Die Magie der Underdogs: Was CEOs von Jürgen Klopp, Apple und Trigema lernen können

25.11.2021 | Allgemein | 2 Kommentare

From zero to hero:  Warum der Status des Underdogs unglaubliche Energie freisetzt, wie Profitrainer und Konzerne das nutzen und was Führungskräfte daraus lernen können.

Habt Ihr Euch auch schon einmal gefragt, warum Fußballtrainer das eigene Team vor einem Spiel so häufig und gerne klein reden?

Ist es nicht viel sinnvoller, mit breiter Brust und voller Überzeugung die eigenen Stärken zu stärken? Ist das nicht sogar der Kern von „positiver Psychologie“?

Worin also besteht der Vorteil, wenn man in Sport oder Wirtschaft mit dem Team tiefstapelt?

Was Rocky Balboa dazu sagt…

2018. Premier League. Trainer kommt in die Kabine. Er zieht die Mundwinkel leicht nach unten, kneift die Augen zusammen und macht ein schmerzverzerrtes Gesicht:

„Das wird eine verdammt schwierige Saison, Jungs. Im letzten Jahr haben wir es sehr ordentlich gemacht und ich bin wirklich stolz auf Euch. Wir sind auch jetzt wieder gut gestartet. Aber dieses Jahr wird anders. Die Saison wird unglaublich hart. Wir sind immer noch Rocky Balboa und nicht Ivan Drago. Wir können nichts anderes als der Herausforderer sein, weil wir noch nichts gewonnen haben, seit ich hier bin – und das ist schon lange her. Deshalb müssen wir mehr investieren, mehr kämpfen, mehr kreieren. Das erwarten wir von uns selbst, und dann sehen wir, wohin es führt.“

Sagt das ein Abstiegskandidat? Ein insolventer Club? Ein Verein in der Krise? Nein. Hier hören wir Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool, heißer Favorit auf den Titel, Tabellenführer der Premier League und mit 182 Millionen € auch bei den Transferausgaben einsame Spitze [1].

Es ist fast absurd, sich angesichts dieser Fakten mit Rocky Balboa zu vergleichen, welcher der titanischen Überlegenheit eines Ivan Drago entgegentreten musste. Und außerdem: Ist das nicht kompletter Unfug, kontraproduktiv und eine Motivationsbremse? Warum redet der Mann sein eigenes Team schwach? Bereits beim BVB charakterisierte er die eigene Mannschaft selbst nach dem gewonnenen Double als einen Außenseiter, der allen Schwierigkeiten trotzt, sämtliche Hürden überwindet und mit einer kämpferischen Underdog-Identität erfolgreich ist [2].

Leise Töne, große Wirkung

Eine ganz ähnlich gemischte Motivationsspritze verabreichte Thomas Tuchel kürzlich dem FC Chelsea. Er schlug leise Töne an, beschrieb die Campions League als Abenteuer, aus dem viel zu lernen sei und verpasste seiner Mannschaft somit das Image eines unschuldigen Underdogs. „Wir haben die Mentalität von einer kleinen Mannschaft, aber wir sind keine kleine Mannschaft, weil wir große Spieler haben. Das ist wirklich bemerkenswert“ erklärte Tuchel gegenüber Sky „Es fühlt sich an, als würdest du einen Underdog trainieren“ [3]. Und die Mannschaft? Tritt defensiv, diszipliniert, organisiert auf [4]. Und gewinnt am Ende die Champions League. Wie der FC Liverpool vorher.

Alles Zufall? Schauen wir uns abschließend vielleicht noch Christian Streich an, den Trainer des SC Freiburg. In der Bundesliga verkörpert kein anderer Club so sehr das Image des Underdogs wie Freiburg und dessen Trainer. Gerade noch titelte die FAZ wortwörtlich „Freiburg als Champion der Underdogs“ und zitierte Christian Streich folgendermaßen:

„Ich hoffe sehr“, sagte er, „dass man sich nicht blenden lässt von irgendwelchen Dingen, die ein bisschen neuer und schicker erscheinen.“ Auf dass „dieser Geist bleibt, dieses Ankämpfen gegen das Größere – und nicht zu denken, schon bei den Größeren zu sein“. Wird ihm dieser dringende Wunsch erfüllt, „haben wir gute Jahre vor uns“ [5].

Warum sollten sich Führungskräfte aus der Wirtschaft damit beschäftigen?

Die Kraft der psychologischen Sicherheit

Weil es ein wichtiger Punkt ist. Auf der einen Seite erfahren Teammitglieder durch die Annahme der Identität des Underdogs eine höhere psychologische Sicherheit. Sie agieren mutiger, unternehmerischer und proaktiver aus drei Gründen. Erstens wird die Sichtweise weg von der Angst des Scheiterns hin zu den Erfolgsaussichten verlagert, zweitens führt die wahrgenommene Benachteiligung als Underdog zu einer rotzigeren Identität und drittens werden mutige Verhaltensweisen, die zur Verbesserung der Situation des Teams führen, enthusiastischer gefeiert.

Auf der anderen Seite profitieren die Teammitglieder durch die Identifikation mit einer Gruppe mit einem vermeintlich niedrigen Status von einer Quelle der Zufriedenheit und Stärke. Schutz vor anderen dominanten Gruppen und die Wahrnehmung von sozialer Unterstützung fördern ein positives Gefühl des Wohlbefindens. Warum schafft das ein Underdog-Narrativ? Auf zwei Wegen: Erstens wird der Fokus auf den zukünftig besseren Status gelenkt und zweitens wird Hoffnung auf Erfolg und damit Kontrolle über die eigenen Fähigkeiten und die Situation vermittelt. Eine ebenso ausführliche wie brillante Begründung liefern die amerikanischen Kollegen Steele und Lovelace [6].

Berühmte Underdogs: Apple, T-Mobile und Trigema

Stories von Underdogs funktionieren auch abseits des Fußballfelds. Lenkt man den Blick vom Fußball in die Wirtschaft, zeigen sich ganz ähnliche und sehr bekannte Beispiele von furchtlosen Underdogs. Apple – Was einst mit einem Studienabbrecher in einer Garage begann, wurde zu einem Weltkonzern. Zentrales Motiv war während des Aufstiegs durchgehend die Rolle als Underdog in Opposition gegen das übermächtige Microsoft. Lustiger Weise gelang Microsoft nach dem Aufstieg von Apple zur Nummer 1 der amerikanischen Wirtschaft nach eigenem Niedergang unter dem neuen CEO Satya Nadella eine beeindruckende Wiedergeburt unter Zuhilfenahme von Anleihen eines Underdogs: “The learn-it-all does better than the know-it-all.”

In Deutschland versuchte sich der Koloss T-Mobile ebenfalls erfolgreich als Underdog. Ex- CEO John Legere, der nach Jahren des Niedergangs den Wiederaufstieg des Mobilfunkunternehmens maßgeblich verantwortete, stellte T-Mobile als kleinen Mann dar, der sich tatsächlich um seinen Kunden kümmert und seine Underdog-Attitüde zeigte Erfolg. Die Sportschuhmarke New Balance hat sich ebenfalls selbst der Identität des Außenseiters verschrieben, der von der Branchennorm abweicht, die Produktion nicht auslagert und stattdessen einen erheblichen Teil seiner Produktion in den Vereinigten Staaten belässt – ganz ähnlich wie das Trigema in Deutschland tut. Und wie sehen das die MitarbeiterInnen? Die sind stolz, dass sie sich gegen die Branchenriesen auf dem Markt als kleiner Player sehen, welcher das soziale Wohl fördert und die lokale Gemeinschaft unterstützt.

So funktionierts: Underdog im Storytelling als Königsweg

Eine kollektive Identität als Underdog folgt einem recht einfachen Strickmuster und wird geformt durch drei Schlüsselfaktoren:

1. Kampfgeist

Die Umstände, denen die Teammitglieder gemeinsam ausgesetzt sind und die ihnen den Weg zum Erfolg erschweren (z.B. begrenzte Ressourcen, unerwartete Katastrophen), müssen thematisiert werden. Das inspiriert das Team, sich zusammenzuschließen und Kampfgeist zu entwickeln.

Überlege: Gegen welche Konkurrenz tretet Ihr an? Wie sieht Eure Ausgangssituation aus? Was unterscheidet Euch von den Anderen?

Der Effekt: die Bindung im Team steigt aufgrund der Wahrnehmung, dass Alle in einer ähnlichen Situation sind und Alle gemeinsam den Erfolg verdienen.

2. Ziel

Wenn coole, attraktive Ziele kommuniziert werden, haben die Leute mehr Bock und ziehen an einem Strang. Wie? Indem Ziele ebenso klar wie ehrgeizig formuliert werden.

Überlege: Wo ist der Gipfel? Wohin willst du mit deinem Team die Fahne stecken?

Der Effekt: Sicherheit über die gemeinsamen Ziele, wodurch ein Gefühl des Stolzes und der Zuversicht geschaffen wird.

3. Wirksamkeit

Wirksamkeit ist der Glaube, dass mit den gemeinsamen Fähigkeiten und Anstrengungen das Ziel gemeinsam erklommen werden kann. Dazu sollten Führungskräfte die Ziele der Gruppe beschreiben und Zuversicht vermitteln, dass das Team das Ziel erreichen kann. Frühere Leistungen und bisherige Erfahrungen helfen dabei, diese Wirksamkeit zu spüren. Wenn Teammitglieder das Gefühl haben, dass die Wirksamkeit hoch ist, werden sie die Möglichkeit sehen, ihren gemeinsamen Nachteil zu überwinden und die Ziele zu verwirklichen.

Überlege: Gegen welche Widrigkeiten habt Ihr Euch in der Vergangenheit schon durchgesetzt? Was habt Ihr schon geschafft und wie hat sich das angefühlt?

Der Effekt: ein hohes Maß an Vertrauen, großes Engagement in adaptive Prozesse, höhere Widerstandsfähigkeit und stärkeres Engagement.

Nicht weniger wichtig für den Erfolg ist allerdings die Wahrnehmung der Glaubwürdigkeit der Führungskraft und die Macht externer Einflüsse. Egal wie gut deine Story ist, wenn Medien oder Dritte die Botschaft nicht unterstützen oder sogar dagegen wettern, stehen die Erfolgsaussichten für die Formung einer Underdog-Identität schlecht. Je besser die Übereinstimmung der Einschätzung externer Informationsquellen mit der Story der Führungskraft, desto stärker wirkt die Hauptbotschaft.

Das zahlt sich aus – from zero to hero.

Von Ralf Lanwehr und Lena Hüster

Quellen:

[1] https://www.eurosport.de/fussball/premier-league/2018-2019/jurgen-klopp-bremst-nach-liverpools-traumstart-die-euphorie-die-saison-wird-unglaublich-hart_sto6887574/story.shtml

[2] https://www.focus.de/sport/fussball/hsv-erstickt-krisengerede-mit-sieg-gegen-dortmund-fussball_id_1800931.html

[3] https://www.kicker.de/tuchel_erklaert_das_erfolgsgeheimnis_von_underdog_psg-782259/artikel

[4] https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/champions-league/fc-chelsea-und-thomas-tuchel-im-halbfinale-der-champions-league-17292497.html

[5] https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/sc-freiburg-der-bundesliga-champion-der-underdogs-17585086.html

[6] Steele, L. M., & Lovelace, J. B. (2021). Organizational Underdog Narratives: The Cultivation and Consequences of a Collective Underdog Identity. Academy of Management Review. OnlineFirst.

2 Kommentare

  1. Georgiy Michailov

    Ein sehr starkes Narrativ! Danke

    Antworten
  2. Ralf Lanwehr

    Vielen Dank!

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.